„Handele so, daß die Maxime deines Handelns die Grundlage eines allgemeinen Naturgesetzes sein könnte.“ So lautet der Kategorische Imperativ von Immanuel Kant. Oder etwas alltagsnäher formuliert: Handele stets so, wie Du wünschst, dass alle Menschen handelten – und wie sie Dich behandelten. Ich finde, das ist auch eine hervorragende Maxime für den Sex. Grob gesagt: Ich möchte befriedigt werden, also muss auch ich befriedigen. Wenn meine Wünsche wahr werden sollen, muss auch ich die Wünsche meines Partners erfüllen. Sich hingeben, sich hergeben, seinen Körper zum Geschenk machen, sich benutzen lassen – sich nicht zu schade zu sein, und nicht allein den eigenen Orgasmus im Blick zu haben: das ist – vielleicht nicht immer, aber hoffentlich doch meistens – mein Kategorischer Imperativ beim Sex. Es reicht nicht, guten Sex zu fordern. Man hat eine eigene Verantwortung dafür. Mann muss bereit sein, zuerst (sich) selbst geben. Es gibt viele Schmähungen für Frauen, die nach dieser Maxime leben: Flittchen, Luder, Schlampe sind noch die harmloseren. Ich behaupte: Frauen, die nach dieser Maxime leben, haben öfter und besseren Sex. Da schließe ich einfach mal von mir auf andere.Deshalb – und weil ich nicht nur Kants Philosophie, sondern auch seine wunderbare Sprache schätze1 – habe ich mir mein Pseudonym Emmanuelle Cunt ausgesucht: ein augenzwinkerndes Wortspiel als respektvolle kleine Verbeugung.
Emmanuelle Cunt: das ist auch eine Anspielung auf mein eigenes sexuelles Erwachen. Ich war wohl ungefähr zwölf, als ich mich selbst aufklärte, eher aus Versehen, mit den Büchern, die ich in den Regalen meiner Eltern fand, versteckt ganz weit oben, außerhalb meiner Reichweite, dort wo ich Süßigkeiten vermutete und auch welche fand, wenn auch nicht die erhofften. Ich fand Bücher mit seltsamen, faszinierenden Umschlägen: „Emmanuelle oder Die Schule der Lust“ von Emmanuelle Arsan2 war das erste, das ich in die Hand nahm, es folgten Henry Miller, Anais Nîn, D.H. Lawrence, Josephine Mutzenbacher und viele andere. Diese Bücher haben mich in eine geheimnisvolle, unbekannte Welt geführt, von deren Existenz ich nichts geahnt hatte, die ich zunächst auch noch nicht vollständig verstand, die mich verwirrte und bisweilen gar verstörte, weshalb ich die Bücher aber bloß umso begieriger verschlang. Es dauerte nicht lange, bis ich sie zu verstehen begann, zunächst aus eigener Anschauung, denn hinter den Büchern fand ich eindeutige Filme (nichts hartes, aber unmissverständlich genug, und dazwischen wieder „Emmanuelle“ mit Sylvia Kristel, die ich schon vom Taschenbuch-Cover kannte und die mir bis heute wie eine Verwandte erscheint3), und schließlich auch aus eigener Erfahrung, denn irgendwann konnte ich es gar nicht erwarten, die verbotenen Früchte endlich selbst zu kosten, deren Beschreibungen mich so lange verwirrt und betört hatten. „Emmanuelle“, daran erinnere ich mich genau, war mein erster Schritt in diese andere Welt jenseits der Puppenstuben und Kindergeburtstage, dorthin, wo man endlich erwachsen sein konnte. Oh, ich weiß noch genau, wie aufgeregt ich war, als ich als Kind zum ersten Mal in ein Flugzeug stieg, und bis zum heutigen Tag ist die Vorstellung einer Flugreise für mich untrennbar verknüpft mit der Eingangsszene dieses Buches, die mich damals fesselte wie wenig anderes in der Literatur seither (und ich habe viel gelesen) – denn hierbei habe ich gelernt zu masturbieren4. Noch heute habe ich die alte zerfledderte Taschenbuchausgabe, die ich damals aus dem elterlichen Regal stibitze, die ich in meinem Zimmer versteckte und die mich seither mein Leben lang begleitet. Obwohl ich mir längst eine neue Ausgabe gekauft habe, hüte ich dieses alte Buch wie einen Schatz, wie meinen ersten (und einzigen) Teddy und meinen ersten (und längst nicht einzigen) Liebesbrief.
Wenn ich also sage, dass mit „Emmanuelle“ meine sexuelle Aufklärung begann, dann ist auch dies ein spielerischer Wink an Immanuell Kant, den Vater der Philosophie der Aufklärung – auch wenn er den Begriff in etwas größerem Maßstab verwandte. Ihm ging es um den Weg des Menschen aus seiner eigenen Unmündigkeit5. Man kann das auch als ein Plädoyer gegen Scheuklappen und Zugeknöpftheit betrachten, als ein Plädoyer für Neugier, Experimentierfreude, Lust, für die Offenheit und die Bereitschaft, immer wieder neue Erfahrungen zu wagen und Grenzen der Scham zu überschreiten. Also letztlich auf das zu pfeiffen6, was uns selbsternannte Tugendwächter und Moralapostel von frühester Kindheit an als „Sitte und Anstand“ einzutrichtern und die uns mit Schuldgefühlen zu drangsalieren versuchen. Zur Schuld hat übrigens auch Kant eine Vorstellung: Wer den Weg der Aufklärung nicht einschlage, der trage Schuld an seiner eigenen Unmündigkeit. Das, in einfachen Worten, ist Kants Moral. (Apropos „Pfeiffen“: Die göttliche Lauren Bacall erklärt Humphrey Bogart in „To Have and Have Not“ – wohlgemerkt im Jahr 1944! – ganz unverblümt, wie das geht: „Du spitzt die Lippen und bläst...“)
In diesem Geist, wenn auch noch unbewusst, habe ich wohl gehandelt, als ich damals bei der Erkundung von Emmanuelles exotischer Welt jenen kleinen Teil im Zentrum meines Körpers ganz neu für mich entdeckte, dem ich bis heute viel Liebe und Fürsorge angedeihen lasse: Meine Finger – oder andere Gegenstände – besuchen ihn meist mehrmals täglich, mal flüchtig, mal ausgiebig, und ich pflege ihn nicht weniger gründlich und liebevoll als mein Gesicht und mein Haar. (Tatsächlich fragen mich Besucher meines Badezimmers gelegentlich, warum auf meinem Board von all den sündhaft teuren Gesichtsreinigungs- und Pflegemitteln, den Feuchtigkeitscremes und Emulsionen jeweils zwei angebrochene Gläser stehen. „Für Reisen“, lüge ich dann.) Für diesen wunderbaren Körperteil, mit dem Gott die Frau für so vieles entschädigt hat, gibt es im Englischen auch den meist etwas abschätzig benutzten Begriff „Cunt“7 – und nicht nur für den betreffenden Körperteil, sondern auch für jene Sorte Frauen, die ich oben beschrieben habe und die ihre „Cunt“ ganz gern und oft zum Einsatz bringt. Feministinnen, die nicht länger Männer über ihre „Sittlichkeit“ befinden lassen wollen, gebrauchen den Begriff längst auch selbst mit durchaus emanzipatorischer Absicht – und nicht nur in diesem Zusammenhang bekenne ich mich klar als Feministin.
Ein Zufall, dass das schillernde Wort „Cunt“ so klingt wie Kant. Und doch schließt sich hier der Kreis für Emmanuelle Cunt. Ist es nicht erstaunlich, wie viel diese beiden Worte über mich verraten? Kann es also ein anderes Pseudonym für mich geben als dieses: Emmanuelle Cunt? Deshalb habe ich beschlossen, meine erotischen – oder meinetwegen pornographischen Geschichten – unter diesem Namen zu verfassen.
Überhaupt Pornographie und Erotik! Ich kenne viele Menschen, die Wert darauf legen, dass sie Pornographie ablehnen, Erotik aber sehr wohl schätzen. Ach, Erotik! Ich sage es offen: Ich liebe die Pornographie, weil „Erotik“ doch oft nur eine geschmäcklerische Weichzeichner-Ästhetisierung von etwas ist, das eigentlich unmittelbar, unverstellt und direkt sein sollte. Porno zeigt Sex als Rohstoff, nicht als veredeltes Produkt. Erotik ist – nicht immer, aber viel zu oft – gepflegte, inszenierte Langeweile. Also etwas, das verzeihlich wäre, wenn es nicht um Sex ginge. Natürlich: Auch Pornographie ist immer nur eine Inszenierung, ist nie unmittelbar. Aber sie ist ein Spiel mit der expliziten Darstellung, ihr Ziel ist die grelle Ausstellung, nicht die Verhüllung und Verkleidung von Sex. Ihr Ideal ist die größtmögliche Direktheit, und ihr Einfallsreichtum, um diesem Ideal auf immer neue Weise zu entsprechen, ist beachtlich. Sie ist obszön und ordinär. Darin ist sie manchmal peinlich, oft geschmacklos, meistens billig, fast immer künstlerisch unzureichend – aber sie fasziniert mich. Sie macht mich an. Ich kenne viele Menschen, denen Pornographie unangenehm ist. Mir nicht, im Gegenteil. Meyers Konversationslexikon von 1897 definiert Pornographie (griech. ›Hurenliteratur‹) als „Sorte von Romanen, die sich in Ausmalung schlüpfriger Szenen, Schilderung liederlicher Dirnen und ihres Treibens gefallen.“ Das gefällt auch Emmanuelle Cunt, und sie beschäftigt sich damit nur allzu gern.
E.C.
PS: Wenn Du mit mir ins Gespräch kommen möchtest über meine Geschichte(n), die Lust und die Liebe, würde ich mich freuen!
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Anmerkungen
1 Eine hervorragende und gut zu lesende Einführung in das Denken und die Zeit Immanuel Kants ist Manfred Geiers Buch "Kants Welt". Einen ersten Einblick liefert auch Wikipedia.
2 Das stark autobiographisch gefärbte Buch der Diplomaten-Gattin Emmanuelle Arsan löste einen wahren Skandal aus und fand mehrere Fortsetzungen.
3 Es entstand eine ganze Serie von Fortsetzungen und Abwandlungen des "Emmanuelle"-Themas (siehe auch hier und hier). Wie schon das Buch, so löste auch der erste Film von Just Jaeckin einen Skandal aus. Sylvia Kristel wurde zur Ikone einer ganzen Generation (schöne Artikel dazu hier, hier und hier.
4 Nicht nur mich hat diese Szene nachhaltig beeindruckt. Abwandlungen und Anspielungen finden sich im pornographischen Genre viele. Auch dieser freche Cartoon dürfte mit Sicherheit davon inspiriert sein...
5 der Kant'sche Aufklärungsbegriff.
6 Apropos "Pfeiffen": Die göttliche Lauren Bacall erklärt Humphrey Bogart in "To Have and Have Not" -- wohlgemerkt im Jahr 1944! -- ganz unverblümt, wie das geht: "Du spitzt die Lippen und bläst..."
7 Es gibt einen interessanten Text über die Entwicklung des Begriffs "Cunt" von Matthew Hunt. Außerdem gibt es einen guten einführenden (?) Artikel bei Wikipedia. Mittlerweile wird der Begriff statt als Schimpfwort zunehmend auch als Ausdruck weiblichen Selbstbewusstseins verwendet, und so verwende auch ich ihn.



2 Kommentare:
Mit 12 Lebensjahren hatte ich noch keinen "Draht" zu Emmanuelle Arsan, aber die "Liebesschule der Aspasia" im Bücherregal meiner älteren Schwester übte eine gewisse Faszination aus, die ich aber als Pubertierender noch nicht einordnen konnte.
Ich fand den aus dem Mund stinkenden Satyr, der sich die Frauen mit Gewalt nahm, ziemlich eklig, aber der Rest des Buches war schon interessant.
Serenity
Habe gerade die wunderbare Geschichte von dir gelesen und natürlich auch - neugierig wie ich bin - deine Hompage besucht. Ich hoffe auf mehr Storys von dir.
Red_Baron1951
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